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Frank Richter - 1a-faksimile
 

Die Wiener Genesis
Bildgewaltiges Erbe der frühen Christenheit

Zwischen Purpur- und Brauntönen changierende Seiten, farbenfroh erzählende Miniaturen, Silbertinte für den Text in Unzialschrift, Gold zur Ausschmückung der Details - die Wiener Genesis aus dem 6. Jahrhundert ist ein Kulturerbe sondergleichen und begeistert den Betrachter bis heute durch die natürliche Lebendigkeit ihrer Buchmalerei, die intensiven Farben und die künstlerische Meisterschaft in der Darstellung von Mimik, Gestik, Bewegung und Perspektive. Die Wiener Genesis ist als herausragendes Denkmal spätantik-frühbyzantinischer Buchkunst für die Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek von zentraler Bedeutung. Die Faszination dieser "Bilderbibel" ist bis heute ungebrochen.
(Andreas Fingernagel, Österreichische Nationalbibliothek Wien)

Die Wiener Genesis: Die Handschrift

Am Beginn christlicher Buchmalerei Die 24 erhaltenen Blätter der Wiener Genesis mit ihren 48 Miniaturen in wunderbar frischen Farben und mit künstlerischen Bildfindungen, wie sie erst Jahrhunderte später wieder in der Malerei auftauchen, sind ein kulturhistorisches Zeugnis ersten Ranges. Sie überliefern den ältesten erhaltenen biblischen Bilderzyklus und verweisen in ihrer Entstehung zeitlich und räumlich auf die Wiege des Christentums im östlichen Mittelmeerraum und gleichzeitig auf die Anfangszeit des Buches in Codex-Form. Die prunkvolle Handschrift wurde von Buchmalern in Antiochia geschaffen, einem der wichtigsten Zentren der frühen Christenheit in der Provinz Syria, wo die Künste blühten und Luxusgüter aus aller Welt gehandelt wurden.

Bildergeschichten mit Text

In der Wiener Genesis haben die Bilder eindeutig Vorrang vor dem Text. Hier illustriert nicht das Bild den Text, sondern erläutert der bearbeitete Text die Bilder. Diese Bevorzugung der Bilder geht so weit, dass die sonst übliche Reihenfolge der Arbeitsschritte bei der Herstellung einer Bilderhandschrift umgekehrt wurde. So scheinen die Buchmaler zuerst die Miniaturen geschaffen zu haben, bevor die Schreiber dann den Text in die verbleibenden Leerräume einpassten. Dafür kürzte ein theologisch gebildeter Redaktor den biblischen Text zusammen, bis Bild und Text möglichst einander entsprachen. Schwer zu illustrierende Stellen wurden weggelassen und nur die für den Erzählverlauf entscheidenden Ereignisse und Handlungen beibehalten.

Kaiserliche Luxushandschrift?

Die Wiener Genesis ist, wie ihre edle Ausstattung und die qualitätsvollen Miniaturen erkennen lassen, eine spätantike Luxushandschrift von außergewöhnlicher Pracht. Demenstprechend orientieren sich ihre Königsdarstellungen an der Ikonographie der oströmisch-byzantinischen Herrscher (mit Diadem, Purpurchlamys und Goldfibel). Die Entstehung der Wiener Genesis gehört in die Zeit Kaiser Justinians I. (482–565 n.Chr.). Vielleicht ist sie für ihn oder ein Mitglied seiner Familie angefertigt worden. Ein Indiz dafür könnte die purpurne Färbung des Pergaments sein. Purpur galt als kaiserliche Farbe, deren Verwendung Privatleuten untersagt war.
Für den liturgischen Gebrauch kam der Codex wegen des gekürzten Textes nicht in Frage.

Unter der Lupe: Mehrszenige Miniaturen und raffinierte Bildkompositionen

Die Wiener Genesis beeindruckt den Betrachter im Besonderen mit ihren ungemein vielfältigen Bildkompositionen. So wird eine Textstelle im Rahmen einer Miniatur oftmals in mehreren Szenen wiedergegeben, jeweils verbunden oder getrennt durch bewusst gesetzte Landschafts- und Architekturelemente. Die "Leserichtung" ist dabei variabel: von oben nach unten, von links nach rechts oder umgekehrt. Aus solcherart Dynamik und der großen Kunstfertigkeit der Buchmaler resultiert ein immer neues Bild-Erlebnis. Das zeigt sich etwa in der großartigen Lebendigkeit, mit der Bewegung, Haltung, Gestik und Mimik der Figuren in der Wiener Genesis gemalt sind, oder in den abwechslungsreich gestalteten Gesprächsszenen.

Die Miniatur auf p. 16 ist dafür ein schönes Beispiel. Dargestellt sind Isaak und Rebekka in Gerar, der Stadt des Philisterkönigs Abimelech (Gen 26,1-11). In der linken Hälfte besteht das Bild aus zwei Figurenreihen, während die rechte Hälfte ganz von der Königsburg ausgefüllt wird. In der Szene oben links ist Isaak in blassgrüner Ärmeltunika und orangem Oberkleid zu sehen, wie er auf die Frage zweier Philister seine Frau Rebekka verleugnet und als seine Schwester ausgibt. In der nächsten Szene rechts tauschen Isaak und Rebekka Zärtlichkeiten vor dem Palast aus und werden dabei aus einem Turmfenster vom König beobachtet. Dieser - in vollem Ornat auf dem Thron sitzend - stellt Isaak daraufhin vor dem versammelten Hof zur Rede.

Handschrift und Faksimile im Überblick

Die Miniaturen der Wiener Genesis leuchten in staunenswerter Farbenpracht aus der Anfangszeit christlicher Buchmalerei herüber. Dabei entsteht aus dem Zusammenspiel von Orange, Grün, Blau, Weiß, Beige, Purpur und Rosa in diversen Abschattierungen ein gleichermaßen freundlicher und frischer Gesamteindruck, den das Faksimile authentisch wiedergibt.

Handschrift: Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. theol. gr. 31
Entstehungszeit: 1. Hälfte 6. Jahrhundert
Entstehungsort: Antiochia (heute: Antakya) in der römischen Provinz Syria
Format: ca. 32,0 x 26,5 cm
Umfang: 48 Seiten (24 Blatt)
Künstler: mehrere Buchmaler (Meister der Wiener Genesis)
Auftraggeber: unbekannt
Ausstattung: 24 durchgefärbte Blätter mit insgesamt 48 Miniaturen und 120 Einzelszenen, Höhungen mit Muschelgold, mit Silbertinte geschriebener Text, aus dem im Laufe der Jahrhunderte Buchstaben und Wörter herausgebrochen sind (Wiedergabe im Faksimile durch Laser-Stanzung)

Faksimile-Einband: dunkelbrauner Ziegenledereinband mit Mustern in Gold- und Blindprägung (Damit das Erlebnis der Wiener Genesis als Buch nachempfunden werden kann, haben sich die ÖNB und der Verlag entschlossen, der Handschrift im Faksimile wieder einen Einband zu geben – nach der Vorlage eines koptischen Einbands aus dem 9. Jahrhundert in der Pierpont Morgan Library, New York.)

Kommentarband zur Edition von Barbara Zimmermann / Christian Gastgeber / Christa Hofmann

Die Faksimile-Edition steht unter der Schirmherrschaft der österreichischen UNESCO-Kommission.

Die Faksimile-Edition erscheint im Frühjahr 2019.

Subskriptionspreis: EUR 4.250,00 gültig bis Erscheinen, zahlbar bei Lieferung
Endpreis: EUR 4.480,00

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